Gabriel von Seidl

gvsDem Namensgeber des Tölzer Gymnasiums verdankt die Stadt Bad Tölz in ganz entscheidenden Teilen ihr heutiges Gesicht. Er drückte im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert vielen Straßen und Plätzen der Stadt seinen unverwechselbaren Stempel auf. So ist die Marktstraße, die heute zu einem der schönsten baulichen Ensembles des Oberlands zählt und in zahllosen Publikationen als Blickfang für die Stadt und Region wirbt, erst durch das Wirken Gabriel von Seidls zu dem geworden, was sie heute ist. Aus einem vorher recht chaotisch wirkenden Durcheinander verschiedener Baustile und Erhaltungszustände der Häuser formte er das von für seine Architektur typischen Giebeln geprägte geschlossene Bild und die noch heute gültige Struktur dieses Herzstücks von Bad Tölz. Ausgestattet mit ungeheuerem Formgefühl und unterstützt von dem einheimischen Baumeister Peter Freisl baute er um 1900 Häuser um und gestaltete Fassaden neu (Rathaus, Marktstraße 1, 17, 41, 43, 59, Marienstift). Seine teils restaurierenden, teils historisierenden Maßnahmen ließen eine einheitliche barocke Eleganz des Straßenbildes mit vielen liebevollen Detaillösungen entstehen, die der ursprüngliche, vorwiegend aus dem 15. bis 18. Jahrhundert stammende Baubestand nicht hatte.

kurh klKurhaus Bad Tölz

Im jenseits der Isar gelegenen Badeteil von Bad Tölz schuf Gabriel von Seidl die Pläne für den Musikpavillon, das heutige Haus des Gastes und insbesondere für das elegante Kurhaus, das er allerdings nicht mehr selbst vollenden konnte. In Bad Tölz und in der näheren Umgebung zeugen viele Privathäuser von der weiteren Bautätigkeit Gabriel von Seidls in der Region.

In München am 9. Dezember 1848 geboren und daselbst am 27.4.1913 verstorben, machte Gabriel von Seidl Bad Tölz zu seinem Wohnsitz und zu seiner zweiten Heimat. Die Stadt verlieh ihm 1903 in Anerkennung seiner Verdienste das Ehrenbürgerrecht, um auf diese Weise die Verehrung und Hochachtung, die ihm in Bad Tölz entgegengebracht wurde, zu dokumentieren.

Die Bedeutung Gabriel von Seidls erschöpft sich allerdings nicht in seiner Tätigkeit in Bad Tölz. Als bedeutendster Vertreter der eklektizistischen Architektur und des Historismus in München prägte er unter dem Patronat des Malers und Kunstpapstes Franz von Lenbach eine Generation lang das Bauwesen der Stadt. In zahlreichen, heute sehr populären Bauten schuf er äußerst persönliche und originelle Lösungen im Sinne malerischer Baugruppen. So berücksichtigen seine Pläne für das Bayerische Nationalmuseum (1894-99) in der Gestaltung der einzelnen Säale die dort auszustellenden Objekte und die Epoche, aus denen sie stammen, bereits in ihrer baulichen Gestaltung, so dass jeder Saal ein eigenes Gesicht erhält.

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Marienstift Bad Tölz

Das der italienischen Renaissance verpflichtete Wohnhaus Franz von Lenbachs (das heutige bedeutende Museum Lenbachgalerie, 1887), das in der Tradition einer Villa suburbana nach florentinischen Mustern geplant wurde, das Wohnhaus Kaulbachs, das Künstlerhaus am Lenbachplatz (1896-1900), die St.-Anna-Kirche im Lehel (1887-92), die erstmalig romanische Formen aufgreift, dabei aber doch durch die bewegte Gruppierung der Bauteile eine sehr zeiteigentümliche malerische Haltung zeigt, das Karlstor-Rondell, die Ruffinihäuser am Rindermarkt, die Rupertuskirche, das Palais Schrenck-Notzing, das Haus Böhler und nicht zuletzt das Deutsche Museum sind weitere markante Bauten in München, die die Stadt Gabriel von Seidl verdankt, wobei, wie schon im Fall des Tölzer Kurhauses, das Deutsche Museum von Gabriel von Seidl nicht mehr vollendet werden konnte. Hier wie dort führte sein Bruder Emmanuel von Seidl den Bau zu Ende.

Aber auch über München hinaus setzte Gabriel von Seidl bauliche Akzente. So ist der Westflügel des Schlosses Neubeuern sein Werk (1904). Das im Kern gotische Rathaus von Schrobenhausen wurde von ihm neugestaltet, so dass sein großer Saal Platz bot für die Gemälde des großen Sohnes von Schrobenhausen, Franz von Lenbachs. Das Alte Rathaus in Ingolstadt wurde 1882 von Gabriel von Seidl in Formen der deutschen Renaissance errichtet, ebenso wie das Neue Rathaus in Bremen (1910-14).Schließlich soll noch das historische Museum der Pfalz in Speyer erwähnt werden, weil Gabriel von Seidl mit diesem Bau neue Maßstäbe für die Museumsgestaltung allgemein setzte.

ober2 klWenn ein Gymnasium sich einen Namen gibt, dann sollte dieser natürlich mit dazu beitragen, dass der Name des Geehrten einem weiteren Kreise bekannt wird als zuvor. Es sollte aber auch ein Bezug zum Schulort, wie er im Falle Gabriel von Seidls ganz offensichtlich gegeben ist,Gut Oberhof vorhanden sein. Schließlich, und das ist sicher das Wichtigste, sollten sich die Schülerinnen und Schüler, die Lehrerinnen und Lehrer des Gymnasiums und alle anderen, die an ihm wirken, mit dem Namen identifizieren können und in ihm einen in der einen oder anderen Weise vorbildhaften Charakter erkennen.

Eberhard Hempel schreibt in seiner Geschichte der deutschen Baukunst (München 1949): Das Beispiel Gabriel von Seidls beweist, daß auch ein Eklektizismus, der sich verschiedenartige Vorbilder wählt, Lebendiges schaffen kann, wenn sich der Architekt in das Wesen und die Schönheit alter Bauten tief versenkt und zugleich die besonderen Aufgaben seines Werks erkennt. Scheinbar mühelos beginnen unter seinen Händen die alten Melodien, um die sich Jahrzehnte vergeblich bemüht haben, wieder zu erklingen. Ist schon die Arbeitsauffassung und ethische Grundhaltung, die hier Gabriel von Seidl attestiert wird, vorbildlich auch für eine heutige Schülerschaft, so sind doch andere Facetten des Lebenswerks von Gabriel von Seidls noch viel mehr geeignet, ihn zum Patron eines Gymnasiums und damit der Jugend in der heutigen Zeit zu ernennen. Zeit seines Lebens hat Gabriel von Seidl für den Erhalt positiver Traditionen und damit der Identität seiner bayerischen Heimat gekämpft. Als Mitbegründer des Bayerischen Vereins für Heimatpflege gelang es ihm, die Zerstörung von Kleinstädten und Dörfern zu verhindern, die anderenfalls Opfer von Spekulationsinteressen oder auch nur des Unverstands von Gemeinderäten geworden wären, eine Entwicklung, die wir aus der Gegenwart nur zu gut kennen, wo Orte um kurzfristiger Profite willen auf Dauer baulich entstellt werden oder zu leblosen Schlafsiedlungen verkommen.

ober3 klSeidl war auch Mitglied zahlloser Jurys bei Wettbewerben für Repräsentationsbauten auch weit außerhalb Villa OberhofBayerns. Viele Bausünden konnten durch sein Votum verhindert werden. Als Denkmalpfleger machte er sich ebenfalls einen anerkannten Namen. Schließlich beweist er seine Aktualität und den Vorbildcharakter seines Wirkens durch seine Aktivitäten als Naturschützer. Er gründete den Isartalverein, der es sich zum Ziel setzte, das Isartal vor den Spekulationsinteressen der Wirtschaft und reicher Privatleute zu retten. Indem er einflussreiche und finanziell gut gestellte Männer um sich scharte, konnte der Verein Grundstücke entlang der Isar so gezielt aufkaufen, dass sie den Bauabsichten von Privatleuten entzogen, der Allgemeinheit als Erholungsgebiet erhalten und im ursprünglichen Naturzustand belassen werden konnten - ein Verdienst Gabriel von Seidls, das man angesichts der heute allseits bedrohten Natur nicht hoch genug schätzen kann.

Dr. Potansky

Lebenslauf

1. Herkunft und Eltern
Die Familie Seidl hat ihre Wurzeln in Großdingharting, südöstlich von München.
Gabriel von Seidl wird am 9.12.1848 in München geboren. Zeitlebens ist Seidl stolz auf seine bäuerliche Abstammung, in der er noch Ungebrochenes und Unverdorbenes sieht.
Der Vater:
Sein Vater Anton Seidl war ein angesehener Bäckermeister, sehr belesen und gebildet. In seiner Gemeinde wurde er sogar Magistratsrat. Er schätzte den Umgang mit Künstlern, welche er auch förderte. Hieraus entsteht auch der Wunsch Gabriels Maler oder Künstler zu werden.
1868 stirbt der Vater an den Folgen eines Unfalls.
Die Mutter:
Über seine Mutter ist wenig bekannt, durch sie entstand die wichtige verwandtschaftliche Beziehung zu Sedlmayr. Sie starb 1898.
Der Bruder:
Unter den Geschwistern ist wohl Emanuel von Seidl der bedeutendste. 1855 geboren wird er wie Gabriel auch Architekt und arbeitet bis 1888 in dessen Büro mit, bevor er eigene Wege geht. Er gilt als der weltmännisch gewandtere. Emanuel von Seidl vollendete die Baustelle des Deutschen Museums und verstarb 1919.

2. Schule und Studium
Das Gymnasium interessiert ihn nicht sehr, vielmehr die halb verfallene Stadtbefestigung und Architektur um ihn herum. Dies hat zur Folge, daß er die Schule verlassen muß. Über die Gewerbeschule, einen vorbereitenden Kurs für die Polytechnische Schule und eine Schlosserlehre im Maffei-Werk in der Hirschau kommt er nach dem Willen des Vaters zum Ingenieurstudium.
Nach dem Tod des dominanten Vaters 1868 sieht sich Gabriel von Seidl nun in seiner beruflichen Ausrichtung freier und will Architekt werden, um seine eigentlichen Jugendträume verwirklichen zu können.
1870 meldet er sich freiwillig zu den Fahnen und kämpft in der Artillerie in der Batterie Stadelmann. 1871 kommt er mit Auszeichnungen und als Leutnant zurück, so daß er erst 1874 sein Studium beendet.
Am 03.06.1890 heiratet er Franziska Neunzert, eine Förstertochter aus Hepberg bei Ingolstadt.
Mit ihr hat er zwei Söhne und zwei Töchter. Ludwig von Seidl wird Architekt wie sein Vater.

3. Erste praktische Tätigkeit
Bevor er 1879 den ersten Auftrag für das Deutsche Haus bekommt, ist er zwischenzeitlich als Bauleiter tätig und beschäftigt sich mit Raumausstattung.
Im Jahre 1876 beeindruckt er in der Ausstellung "Unser Väter Werk" mit seinem "Deutschen Zimmer". Er trifft mit der Butzenscheiben-Häuslichkeit genau den Zeitgeschmack und es folgen viele Aufträge.
In der Folgezeit entstehen die so prägenden Freundschaften zu einflußreichen Künstlern, wie Franz von Lenbach, L.Gedon oder Rudolf von Seitz. Er bezeichnet sie später einmal selbst als seine wahren Ausbilder.
Mit von Seitz gründet er 1877 ein Möbelwerkstatt; es entstehen billige, aber formschöne Gebrauchsmöbel. (u.a. sog. Allotriastuhl)
1879 erhätlt er von seinem Onkel Gabriel von Sedlmayr den Auftrag für ein Mietshaus Ecke Sophienstraße / Karlsplatz, zeitgleich beginnt er sein eigenes Anwesen an der Marsstraße umzusetzen.
1900 baut er sich sein Landhaus in Tölz, was sein zunehmendes Streben nach einem einfach, natürlichen Leben deutlich werden läßt. Seidl wird des großstädtischen Kunstbetriebs müde.

4. Gabriel von Seidls Reisen
Neben zahlreichen Fahrten innerhalb Deutschlands unternimmt er auch einige größere Reisen, die sein Schaffen beeinflussen sollten.
(1) 1876 / 77 nach Rom, wobei erst später in den 80er Jahren der Einfluß der italienischen Renaissance in seinen Bauten zu spüren ist. Seidl kommt mit dem Weilheimer Kalktuff dem römischen Travertin am nächsten.
(2) 1900 nach Wien, der Ehrensaal des Deutschen Museums soll an das Palais Schwarzenberg erinnern.
(3) 1907 nach Paris, für die Bauvorhaben des Deutschen Museums und des Bayerischen Nationalmuseums hält er sich hier für einen Kurzbesuch auf.
(4) 29.8.- 9.9.1907 Mit einer Studiengruppe des Deutschen Museums nach Paris, Brügge und London.
(5) Seine weiteste Reise nach Nordamerika, um Bibliotheken und Laboratorien zu studieren schafft er 1912 aufgrund seines Krebsleidens nicht mehr. Er stirbt am 27.04.1913 in München.

5. Seidls Eintreten für die Denkmalpflege
(1) Er wendet sich 1906 mit einer Petition an die Regierung. Zusammen mit anderen Künstlern setzt er sich für den Erhalt der alten Mauthalle, der ehemaligen Augustinerkirche an der Neuhauser Straße ein. Nach dem Vorbild der Nürnberger Mauthalle soll sie dem Kunstgewerbe für Ausstellungszwecke Raum bieten.
(2) Auf seine Initiative hin wird der Isartalverein 1905 ins Leben gerufen. Es ist dies der entscheidende Schlag gegen die wuchernde Bodenspekulation im Isartal. Nach dem französischem Vorbild "Lex Beauquir" werden mit Spendengeldern Grundstücke aufgekauft und so vor der Spekulation bewahrt. Am Steilufer bei Pullach setzte der Verein seinem Initiator ein Denkmal.
(3) 1907 wollte die Oberste Baubehörde den Walchensee um 16m absenken, um mit Wasserkraft Energie zu gewinnen. Die Isar und der Rißbach sollten zur Kompensation in den See geleitet werden. Die Folge wäre ein Trockenfall des Isarbetts von Wallgau bis Wolfratshausen gewesen. Seidl verhinderte durch seine Initiative dieses nur auf Profit ausgerichtete Projekt glücklicherweise.

6. Seine Arbeitsweise und Mitarbeiter
Wie auch Lenbach umgibt er sich mit alten Stichen und Fotografien , um daraus zu schöpfen, wie auch sein eigenes Werk zu kontrollieren. Im Detail ist er ungeheuer sicher und arbeitet schnell, ebenso bei Präsentationen und Perspektiven.
Erst nach Rohbaufertigstellung legt Seidl die endgültigen Gestaltungen fest.
Gearbeitet wird im Bürohaus im Garten in der Marsstraße, eine Art Familienbetrieb.
Trotz der hohen Auftragslage beschäftigt er am Ende nur 5-7 Architekten. Seine rechte Hand ist seit 1884 Heinrich Kronberger. Dieser hält Seidl den Rücken frei, damit er sich um die Entwürfe kümmern kann.
Die namhaftesten Büromitarbeiter waren 1892/93 Theodor Fischer und Franz Schumacher.

7. Die Bedeutung Seidls und die Wirkung seiner Werke
In den 70er Jahren baut Seidl im Stil der deutschen Renaissance. Mitte der 80er Jahre zeigt sich deutlich der Einfluß der italienischen Renaissance, v.a. an der Lenbach- und der Kaulbach-Villa. Seidl bezieht alle Künste in seine Werke mit ein. Die Malerei beeinflußt durch Franz von Lenbach, die Plastik durch Adolf von Hildebrand.
Nach der Jahrhundertwende ist sowohl eine deutliche Neigung zum Neoklassizismus zu erkennen (Palais Schrenck-Notzing), wie auch die gewohnte Gestaltung (Ruffinihäuser).
Durch seine Ablehnung allen Akademischen wollte er auch nie Lehrer sein. Alle haben von ihm gelernt, aber keiner ist von ihm unterrichtet worden.
Ein deutliches Ende seiner Schaffenszeit fällt mit dem Beginn des ersten Weltkriegs zusammen.

Thomas Dräxl